Mina Kraft

Mina (Wilhelmine) Keller wurde am 11.4.1878 in Neuenhain als 7. Kind des jüdischen Ehepaares Adolf und Emma Keller in Bad Soden-Neuenhain geboren. Nach dem Tod ihres Vaters 1892 heiratete sie am 19.Februar 1901 den katholischen Maler („Weißbinder“) Adam Kraft „in Zivilehe“, wie der katholische Pfarrer E. Herbst anmerkte. Sie hatten einen Sohn Gottfried, der am 8.5.1901 geboren wurde. Auf Antrag wurde das Kind mit Sondererlaubnis kirchlich katholisch am 29.März 1903 anerkannt. Er heiratete 1926 nach Kronberg.

Mina selbst erhielt ab 1903 katholischen Unterricht, konvertierte im Februar 1928 zum Christentum und war aktives Mitglied der katholischen Gemeinde. 1930 konnte die Familie das alte „Juden-Haus“ in der Schwalbacher Str. 4 erwerben und zogen dort hin.

Mina, im Dorf später bekannt als „Judde-Mina“, betätigte sich vielfältig ehrenamtlich, etwa im „Vaterländischen Frauenverein vom Roten Kreuz“.

Sie nahm im Juni 1910 das 3 Tage alte Pflegekind Willi Rösch auf, das sie mit ihrer Enkelin Wilhelmine, geboren 1926 in Neuenhain, aufzog. Willi sah Wilhelmine immer als Schwester.

Das Leben in dem national-sozialistischen Neuenhain war sehr schwierig. Wie sich ihre Enkelin Wilhelmine erinnerte, wurde der Malerbetrieb boykottiert. Ein Auftrag der Gemeinde, die Sozialunterkunft in der Borngasse zu renovieren, wurde plötzlich wieder zurückgezogen, als er schon an Ort und Stelle die Arbeit aufnehmen wollte. Wilhelmine half ihrem Großvater damals, die Farbeimer wieder heimzutragen.

Die Verhältnisse waren sehr ärmlich. Die Großmutter habe ihr manchmal nicht einmal das Geld für ihre Schulbücher oder den Schulausflug geben können. Dann habe ihr großer Bruder Willi Rösch, der schon etwas verdiente,  ihr ausgeholfen. Um das Familieneinkommen aufzubessern hatten die Großeltern immer ein Pflegekind. Außerdem verdiente Mina Kraft ein wenig Geld, indem sie bei Familien bügelte, zum Beispiel beim (Nazi-) Bürgermeister Hebauf.

Mit der „Kristallnacht“ wurde die Verfolgung stärker. Neuenhainer Hitlerjungen beschmierten das Haus der Familie Keller mit Hakenkreuzen und antisemitischen Sprüchen. Wilhelmine und die Großeltern standen zitternd hinterm Fensterladen und sahen alles mit an. Sie erkannten alle, die dabei waren. Namen wollte die Enkelin aber nicht nennen. Nachdem die Meute abgezogen war, machte sich die ganze Familie mit Seife und Wurzelbürste daran, die Schmierereien zu beseitigen. Schmierereien seien ab da noch einige Male vorgekommen.

Für eine Auswanderung hatte die Familie Kraft aber kein Geld. 1936/37 kam Tante Ilse aus Würzburg zu Besuch, die mit ihrer Familie nach Amerika auswandern wollte, weil die Verhältnisse in Deutschland immer schlechter würden. Sie wollte die Großmutter überzeugen, auch ihre Enkelin mit zu nehmen. Dagegen habe sie sich mit Händen und Füßen gesträubt, da sie sehr an der Enkelin hing.

Auf Betreiben ortsansässiger Nazionalsozialisten erhielt Mina 1943 die Aufforderung aus Frankfurt, sich zur sogenannten „Aussiedlung“ im Haus der jüdischen Gemeinde in Frankfurt im Hermesweg 5-7, das inzwischen ein Gestapo-Zwangslager war, zu melden. Für ihre Enkelin war es sehr schmerzhaft, dass sie im Alter von 17 Jahren ihre 65-jährige Großmutter nach Frankfurt zur Sammelstelle am Siemens-Gelände begleiten musste, weil die anderen Familienmitglieder sich für Ehefrau, Mutter und Oma wegen ihrer früheren Religionszugehörigkeit schämten. Der Vorname von  Mina wurde umgehend mit „Sara“ ergänzt, wie es damals für Jüdinnen Pflicht war.

Am 28.10.1943 wurde Mina direkt nach Auschwitz deportiert, wo sie im Dezember 1943 umgebracht wurde.

Sowohl die Einwohnermeldekarte von Mina Kraft als auch die amtlichen Papiere zu ihrer Deportation waren nach Kriegsende in Neuenhain nicht mehr auffindbar.

Ihr letzter freiwilliger Wohnort war in der Schwalbacher Straße 4 (heute bei Nr 2) in Bad Soden-Neuenhain.