Stolpersteinverlegung 10/2018

Die Ähnlichkeit mit seinem Vater Fritz Lagemann ist frappierend. Ruhig und gefasst beobachtet der 76 Jahre alte Herbert Lagemann die Vorbereitungen zur Verlegung des Stolpersteins in Erinnerung an seinen Vater vor dem ehemaligen Elternhaus, der „Villa Johannisberg“ in der Königsteiner Straße 99. Der Kölner Künstler Gunter Demnig geht mit einem Poliertuch über die Messingplatte auf dem Pflasterstein. „Hier wohnte Fritz Lagemann, Jahrgang 1877. Im Widerstand verhaftet 1935, Gefängnis Frankfurt-Preungesheim, misshandelt, gefoltert, entlassen 1937“, lautet die Inschrift.
Ein zweiter Stolperstein wurde am Samstagmittag in der Sulzbacher Straße 8 in den Bürgersteig eingelassen. Dieser erinnert an Johann Malinowski, der bis zu seiner Verhaftung 1935 hier gewohnt hat. Der Bad Sodener, 1877 in Höchst geboren, gehörte ebenso dem Widerstand an, kam zunächst ins Gefängnis Frankfurt-Preungesheim, 1936 in das Konzentrationslager Börgermoor, wurde zu Zwangsarbeit verurteilt, gefoltert und 1937 gesundheitlich schwer angeschlagen entlassen.

Es war ein anrührendes Bild, als die Ur-Ur-Enkel, Matti (9 Jahre) und Mia (11 Jahre), neben dem Stolperstein für Johann Malinowski kauerten und ihren Papa Mathias Dorn baten, ihnen die Inschrift zu erklären.

Einzelschicksale

Ingo Heise und Dr. Frank Blasch

„Dass zum sechsten Mal in der Stadt Stolpersteine verlegt werden“, hob Bürgermeister Frank Blasch hervor, sei ein Stück weit selbstverständlich geworden. „Aber zur Routine darf es niemals werden.“ Den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, der unter der Verfolgung gelitten habe, das sei ihm wichtig. Und nicht nur Juden, Sinti und Roma waren es, die von den Nationalsozialisten unerbittlich verfolgt wurden, sondern auch politisch Andersdenkende, klagte Gisela Rücker an, die das Schicksal der beiden Sozialdemokraten Fritz Lagemann und Johann Malinowski recherchiert hat und der Sodener Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine angehört. 

In Westfalen geboren, trat Fritz Lagemann bereits in jungen Jahren der SPD bei. Er kämpfte als Soldat im Ersten Weltkrieg und arbeitete als Bergmann. Als er an einer Staublunge erkrankte, kam er 1926 zur Kur nach Bad Soden. Und hier blieb er. Er heiratete nach dem frühen Tod seiner ersten Frau ein zweites Mal und engagierte sich politisch in der Gemeindevertretung. Als die SPD nach der Machtergreifung 1933 von den Nazis verboten wurde, musste er mit Verfolgung leben. Lagemann musste sich wie sein Genosse Johann Malinowski täglich bei der Polizei melden.

Johann Malinowski

Johann Malinowski

Malinowski hatte Schlosser gelernt, arbeitete bei den Main-Kraftwerken und wohnte mit seiner Familie, zwei Söhnen und einer Tochter, seit 1913 in Bad Soden. Seit 1901 war er im Deutschen Metallarbeiterverband gewerkschaftlich organisiert.

Deshalb stand er bei den Arbeitgebern auf der schwarzen Liste und war oft monatelang arbeitslos. 1906 trat Malinowski der SPD bei. Von 1923 bis 1933 war er Ortsgruppenvorsitzender der Genossen in Bad Soden und arbeitete in der Gemeindevertretung, schilderte die heutige SPD-Vorsitzende, Friederike Wiertulla.

Bundesverdienstkreuz

Auch nach dem Krieg übernahmen Lagemann und Malinowski wieder politische Verantwortung in der Sodener Gemeindevertretung und im Magistrat. Malinowski wurde 1960 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Nach dem Verbot der SPD 1933 engagierten sich Lagemann und Malinowski in einer illegalen Gruppe des regionalen Widerstands.

Fritz Lagemann

Fritz Lagemann

Fritz Lagemann, berichtet sein Sohn, sei einer von 204 Widerstandskämpfern in Hessen gewesen. Alles sei „unter der Hand“ bei ihm als „Kopf der Bewegung“ zusammengelaufen. Zum Verhängnis wurde Lagemann, Malinowski und drei weiteren Sodener Genossen, Heinrich Dosse, Hermann Bender und Karl Sammel, dass eine schwarze Aktenmappe mit 62 Mitkämpfer-Namen verloren ging, von einem Nazi-Spitzel gefunden und an einen Nazibonzen in der Kurstadt weitergereicht wurde. Bad Soden, weiß Herbert Lagemann, war damals „tiefbraun“. Die fünf wurden im Oktober 1935 verhaftet. Vor dem Oberlandesgericht in Kassel wurde ihnen der Prozess gemacht.

Während der Gedenkminuten, die von Armin Kopp auf seiner Posaune etwa mit dem Lied der Moorsoldaten musikalisch begleitet wurde, kamen berührende Erinnerungen hoch. So berichtete Ärztin Dietmut Thilenius, dass sie und ihr Bruder Thilo oft bei der Familie Lagemann waren und mit Herbert schöne Stunden verbracht hätten. Vater Fritz Lagemann sei mit ihnen, den Kindern aus der Nachbarschaft, wandern gegangen und habe lustige Geschichten erzählt. „Wir saßen dann gemütlich auf dem roten Kanapee in der Wohnküche.“ Geängstigt haben sie die Narben, die sie auf Lagemanns Rücken gesehen habe, wenn er mit der Sense bei Sommerhitze die Wiese gemäht hat. Auf ihre Fragen, so Thilenius, habe sie von ihren Eltern nur die kurze Antwort „Lager“ erhalten.

Für die Familie Malinowski hat die Stolperstein-Verlegung ein besonderes Nachspiel. Der Kreis der Familienmitglieder hat sich nämlich vergrößert. Ihr sei nicht bekannt gewesen, berichtet Enkelin Gerda Dorn, die mit ihrer Familie in der Umgebung lebt, dass ihr Großvater Johann eine Schwester gehabt hat. Durch puren Zufall sei das herausgekommen. Die zweite Linie der Familie, die Nachkommen von Schwester Maria eben, lebt in Minden und war am Wochenende zur Stolpersteinverlegung nach Bad Soden gekommen.